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Neulich aufgesnappt


Versuch einer Begriffsnäherung: Auf grünem Grund prangen zehn weiße Letter, die zusammengesetzt ein Substantiv ergeben, welches sich wiederum aus zwei Hauptwörtern zusammensetzt – in sprachwissenschaftlicher Hinsicht also ein Kompositum. Dem Betrachter wird diese nüchterne Bestandsaufnahme jedoch kaum weiterhelfen, wenn er mit erwartungsvollen Blicken das Schild mit der Aufschrift Notausgang schaut und stürmisch nach der Klinke derjenigen Tür zu greifen sucht, die er in der Nähe des Schildes vermutet. Doch was geht in ihm vor, wenn diese Tür nicht auffindbar ist?
Rasch wird aus der suggerierten Not eine Katastrophe und der vermeintliche Ausgang taugt günstigstenfalls noch zum Irrweg, den niemand wirklich freudestrahlend beschreiten mag, zumal die Umgebung nur noch aus labyrinthisch angeordneten Mauern zu bestehen scheint, die aus einem Gefühl der Enge eine regelrechte Bedrohung emporkeimen lassen. Der mit seinem Schicksal alleingelassene Irrläufer gibt bei der nicht enden wollende Suche nach dem Notausgang jegliches Maß an Vernunft auf und handelt weitgehend irrational, was beim außenstehenden Beobachter Erstaunen, vielleicht sogar Entsetzen auslöst.
In der Praxis ist daraus zu schlussfolgern, dass es nicht nur darauf ankommt, ein entsprechendes Hinweisschild gut sichtbar zu platzieren, sondern sich vor dem Hintergrund einer Wortbedeutung auch die Konsequenzen für das eigene Handeln bewusst zu machen. Im obigen Falle impliziert das Ausgang schließlich einen Weg, den es einzuschlagen gilt, und ein solcher Weg sollte nicht nur gedanklich mit einem Ziel verknüpft sein, das innerhalb einer überschaubaren Zeitspanne erreicht werden will.
Sehen wir uns aber um, stellen wir fest, das die Bedingungen nicht immer erfüllt sind und dass die angestrebte Sachlichkeit häufig zugunsten emotionaler Befindlichkeiten auf der Strecke bleibt. Wo und in welchem Umfang dies derzeit wahrzunehmen ist, dürfte aufmerksame Zeitgenossen nicht entgangen sein. Viele Handlungs- und Entscheidungsträgern ist zu wünschen, das sie den Notausgang finden und möglichst weit aufsperren, damit all diejenigen hindurchpassen, die noch auf dem Holzweg sind.
Bisweilen schadet es nicht, die Wahrnehmung zu schulen und mit gezielten Änderungen das Bewusstsein zu schärfen. Manchmal setzen schon die hintergründige Farbgebung oder prinzipielle die Wortwahl heilsame Kräfte frei, durch deren Stärkung sich plötzlich alles ins Positive verkehrt. Aus der anfänglichen Not wird pures Glück; aus dem Ausgang wird ein Eingang und zwar in ein viel konstruktiveres Miteinander, das aus dem Gegen- ein fröhliches Miteinander macht.
Etwa so wie bei den dieser Tage zu Höchstformen auflaufenden Karnevalsfetischisten, die sich bei Stelldichein geben und die ihrerseits bevorzugte Grundhaltung einnehmen, wobei sie alles mit einem schelmischen Lächeln beäugen und durch den Wolf drehen; was dabei am Ende herauskommt, verdient oft genug eine gehörige Portion Kamelle, um das Chaos etwas erträglicher zu machen und um die ein oder andere Spaßbremse etwas milder zu stimmen. Doch wer in dem Jubel nicht gänzlich untergehen will, sollte auch in diesem Zusammenhang nicht vergessen, das irgendwo ein Notausgang wartet – und gefunden werden will.

~ Jens Holland, Lehrer an der KGS Goetheschule

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